Körpergeschichten
(Anzeiger vom Freitag, 12. Mai 2000)

Walter Ehrismann, immer neu und doch sich selber treu
Walter Ehrismann beherrscht sowohl Öltempera-Malerei als auch verschiedene grafische Techniken – in raffinierter Kombination – auf über-zeugende, ja perfekte Art und Weise. Wenn man die Begriffe Aquatinta, Photogravur, Öltempera liest, könnte das verwirrend wirken. Entscheidend ist aber nicht die Entstehungsgeschichte einer solchen Arbeit, sondern das Ergebnis, das den aufwändigen Werdegang vergessen lässt. Was Ehrismann für eine Ausstellung freigibt, ist bis ins Detail durchgestaltet und zu einer neuen Einheit verschmolzen. »Notre Dame« nennt er eine Bildserie, die in lasierender Weise das geheimnisvolle Licht der Fenster französischer Kathedralen und die abgegrenzte Struktur dieser Glasmalereien evoziert. Es sind Wiedergaben visueller Eindrücke und seelischer Erfahrungen, wie sie einem in den gotischen Kathedralen von Paris, Chartres oder Reims zuströmen.

Eine ganz andere Welt öffnet sich in der Bildergruppe »Akt«. Mit herkömmlichen Aktdarstellungen haben diese Werke jedoch kaum etwas gemeinsam. Vielmehr bildet der weibliche Körper, seitlich oder von hinten fotografiert, die Basis für raffinierte grafische Überarbeitungen, die aus dem Körper Körperlandschaften erstehen lassen. 

Ein wichtiges Segment der gegenwärtigen Ausstellungen sind die mit »Fenster« betitelten Arbeiten, die durch eine bald klare, bald angedeutete Viertelung des Bildraumes einzelne Aspekte, die sich unvermittelt wieder zum Ganzen fügen, sichtbar machen. Diese Raumaufteilung wirkt nicht willkürlich, noch hat sie etwas Konstruiertes an sich, sie vermittelt vielmehr ein Seh-Erlebnis, welches durch die feinen Brüche zum wiederholten und intensiven Betrachten “verführt”.

Ehrismann ist ein Meister der Farbe. Immer ist das Zusammenspiel der Töne von spannungsreicher Harmonie. Auch “gefährliche” Farben wie Rot und Gelb vermag er in Abstufungen und Kombinationen zu zeigen, die eine beseelte Erfahrungswelt, beispielsweise der andalusischen Gärten, vermitteln.

Annemarie Stüssi
 
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