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San
Pablo Equador
 
Morgen
Türkisblau stürzt der Wind von den Anden ins Hochtal, peitscht den Staub auf und treibt ihn in die
Augen, wirbelt durch die trockenen Maisfelder, durchwühlt den See.
Morgens, beim Erwachen, ist der Himmel klar. Ein helles Licht hüllt die Bergketten
ein. Bald schon ziehen erste Federwolken auf, Zyrrhen in der Höhe, und gegen zehn Uhr tragen der Vulkan Imbabura und seine zwei Geliebten graue Hüte.
Dann, wenn ich den zweiten Tee auf der Terrasse geniessen möchte,
biegen sich die Bananenstauden unter der Gewalt des Windes. Es ist kalt. Nur wenn die Sonne zwischen den Wolken herabsticht,wird es erträglich.
Sommer in San Pablo -wie weiss die Häuser sind! Nachts heulen die Hunde und tagsüber ein Plärren aus den Lautsprechern auf den
Rosenplantagen, Rosen aus Ecuador. Ein Schwein schreit. Der Mann rammt einen gusseisernen Stab durch das
Tier, bis die Stimme bricht. So röchelt sich das Leben aus. Bald wird aus dem Kamin Rauch
aufsteigen. Zurück bleiben das Sirren der Maisstauden und ein Indio, der einer Backsteinmauer entlang die wenigen Kühe aufs Feld
treibt.
Mittag
Am Mittag ziehen sich die Wolken über dem Tal zusammen wie pelzige Milch. An den Rändern, auf den Hügelketten drängt sich ein grelles Blau dazwischen, so dass der Himmel zu schwimmen
scheint. Kein Tropfen Regen. Der Tisch, die Steinplatten und Pflanzen werden grau und stumpf und erhalten jene Schwere, die in den eintönigen Flötenklängen in den Feldern
fortklingt. Ich sitze da und starre an die Hänge,wo die Äcker bis hoch hinauf terrassiert
sind. Bäume wie Nadeln durchstechen den Landschaftsteppich. Mein schwarzer Kaffee und die schwarze Schokolade verlängern die stille Stunde,da nichts geschieht und das Hochtal den Atem anhält.
Zwischen hohen Mauern, nahe einem Gehöft, ist ein abgestorbener Baum stehen
geblieben. Wie Krüppel ihre Krücken recken und den Tag verfluchen, an dem sie geboren
wurden, stellt der Baum seine toten Äste zur Schau,jedem zur Warnung:
Das Leben macht keine Geschenke. Braune Hofmauern umschliessen seinen gequälten
Stamm. Um ein Uhr ruft die Fabriksirene .Aus dunklen Hoftoren schreiten die Menschen zur
Arbeit. Die Kühe reiben sich aneinander. Sie tragen ihre Stricke um die Hörner
geschlungen, die Stricke, an denen sie am Abend heim gezerrt werden
.Ach, dieser Mittag des Lebens! Wozu?
Nacht
Nachts steht das Sternenzelt hoch über mir,ein wolkenloser südlicher
Himmel, Stern an Stern gleissendes Schimmerlicht. Eine Katze rennt übers Dach.Ich höre das schleifende Kratzen ihrer
Krallen. Von ferne das Bellen der Hunde. Bevor ich mich zurückziehe, setze ich mich ans
Feuer. Die trockenen Scheite, aufgeschichtet an der Rückwand des Kamins, bieten Hort für eine
Spinne. Bis das Feuer zu brennen beginnt. Sie weiss nicht, wohin, läuft das Holz hinauf und
hinab, sucht unter dem Scheit Schutz. Auch als die Flammen näher züngeln,
verlässt sie nicht ihren Platz. Plötzlich fällt sie auf die Steinplatte und verschmort zu einem Kügelchen.
Die Flammen lodern hell auf, verbreiten Wärme im Raum. Auf der Terrasse blinkt das
Mondlicht. Die dunklen Bergrücken der Vulkane bewachen das Tal. Licht um Licht erlöscht, die Häuser verlieren ihre
Geschichten. Nacktheit ohne Kontur. Nur die leise sirrenden Maisstauden
– so ausgedörrt sind sie – stehen und warten als ein Heer
Gepeinigter. Gegen Morgen verscheppert das Glockenspiel der Dorfkirche ein verzerrtes, klägliches Lied.Was, meine Seele, flatterst du
so? Ist es nicht die Verkündung des neuen Tages? Miserere nobis.
Walter Ehrismann
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