Fensterbilder

Von Corinne Wagner

Ein Künstler zeigt uns seine Fensterbilder und fordert uns damit auf, über die Bedeutung der Fenster nachzudenken. Stehen wir aussen oder innen? Das Fenster ist die Berührungsfläche zwischen Aussen- und Innenwelt. Im Ausschnitt des Fensters sehen wir einen Teil der Wirklichkeit, zeigen wir einen Teil des Innenlebens. Das Fenster selbst bleibt dasselbe, zeitlos und unbewegt. Es rahmt, beschränkt und ordnet.

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Diese kurze Skizze der Motivkette der Fensterbilder sollte uns vorbereiten auf Walter Ehrismanns Fensterbilder. Sie enthalten von allem. Der Maler Ehrismann, durch seine eigene Lebenssituation häufig im Innenraum gefangen, blickt durch das Fenster in die Wirklichkeit, er nimmt durch die Ordnung des Fensters wahr, was draussen ist, sich bewegt und verändert. Er errät aus Teilen Formen und Räume. Wahrnehmen beinhaltet eine Aktivität, der Maler nimmt, was für ihn vorhanden ist - wahr ist - und stellt es dar. Das Vergangene, Erfahrene und Erhoffte formt dabei mit. Der Künstler gestaltet aus Teilen seine Ansicht, durch die Rahmung des Fensters herausgehoben, rhythmisiert und gebrochen. Aussen stehen Teile der Wirklichkeit, Fragmente, Abschnitte und innen arbeitet die Vorstellungskraft. Und das Auge des Malers. Er formt, erinnert sich und fügt zusammen. Nirgends wie in diesen Bildern wird so deutlich, dass ein Fenster eine durchsichtige Membrane ist zwischen innen und aussen. 

Wir wollen versuchen, dem Maler bei seiner Arbeit zu folgen. Sein Fensterkreuz wird gebildet durch Aquatintadrucke, zwei mal zwei zum Quadrat gefügt (eine andere Quadratzahl ist möglich). Gedruckt sind sie auf festes handgeschöpftes Papier,eine solide Grundlage, leicht plastisch geteilt durch die Fugen. Die Aquatintaplatten stammen aus einem ersten Arbeitsgang und werden ausgewählt, zusammengefügt und umgestellt, bis der Künstler zufrieden ist, bis er einen Zusammenhang sieht, einen Fluss der Linien und eine Harmonie oder Spannung der Flächen spürt. Dann werden die Platten gedruckt, zum Fenster vereint, der Rahmen ist geschaffen. Die zweite Beschränkung auferlegt sich Ehrismann in der Farbwahl - nicht die ganze Palette nimmt er zur Hand. Er bestimmt eine Harmonie -wie eine Tonart- in der er arbeiten will. Sechs Farben: Zinnober, Kobalt, helles Zitron, Cadmium, Indisch Gelb und Zinnober Grün hell. Dazu kommen drei Weisstöne: Zinkweiss, das verbindende, Kremser Bleiweiss, das glänzende und Titanweiss, das matte. Walter Ehrismann ist stolz auf seine Palette, er hat sich aus der Auflösung eines Farbgeschäftes einen Vorrat von echten Pigmentfarben sichern können - Farben, die heute nur noch synthetisch hergestellt werden. Sein Zinnober enthält Quecksilber, sein Kremserweiss enthält Blei und Kobalt meint Kobalt. Er muss mischen mit neuen Farben, aber die Arbeit mit echtem Material erfüllt ihn mit der Befriedigung des guten Handwerks. 

Alles ist bereit, der Künstler sitzt vor seinem Fenster und schaut - hinaus und in sich hinein. Linien laufen über die Fugen weiter, Volumen fügen sich zusammen. Langsam füllt sich das Fenster zum Ganzen, zum Kunstwerk. Frauentorsi, verlockend in alter Tradition, eine angeschnittene Kopfform, ein verlorenes Profil zeigen mögliche Zusammenhänge. Räume öffnen sich in die Tiefe, Bewegungen füllen sich zur Form. Eine feine graphische Struktur zittert wie eine Feder. Ein blauer Körper, plastisch schattiert, zieht vom oberen Rand des Bildes bis zur unteren Ecke links. Wer ordnet hier? Die Innenschau des Künstlers verfährt mit den Teilen der - selbstgegebenen - Wirklichkeit nach Gesetzen der Farbe, des Rhythmus, der Erinnerung. Der Maler übergreift, übermalt und erschafft eine neue Ordnung. Die Entwicklung hat sich vollzogen - Fenster und Bildfläche werden eins. 

Der Dichter Rainer Malkowski sagt im Gedicht "Der Teil und das Ganze" über das Zusammenfügen:

 Den Hufschlag zu den anderen Geräuschen,
 die Geräusche zu den Gerüchen,
 die Geräusche, Gerüche
 zu den Formen und Farben.
 

Von Fensterflügel zu Fenster, von Fenster zu Bild ist der Betrachter aufgefordert den Zusammenhängen zu folgen, sein Auge, seine Erfahrung und seine Empfindung werden ihm dabei helfen. 

 
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