Warum ich der Ölfarbe Eigelb beimische
 
Viele meiner Bilder bauen auf der Farbe Gelb auf. Wenn dann im Bildtext Ei-/Öltempera steht, liegt der (falsche) Schluss nahe, das Eigelb bewirke den gelben Farbton (dabei bleicht die Farbe des Dotters in wenigen Wochen aus)!

Das Ei als Bindemittel kannte man bereits im Altertum. Das Eigelb wurde damals, mit Wasser verdünnt, auf der Mauer und später auch für Tafelbilder verwendet. Um das Eigelb mehr zu verflüssigen, wurde nach altitalienischen Rezepten der Saft junger Feigentriebe beigegeben. Diese alte Eimalerei wurde so fest, dass sie allen Restaurierungen widerstand.

Eitempera haftet hervorragend auf mageren Gründen. Sie ergibt einen geschmeidigen, weichen Strich und einen matten Glanz. Die Ölfarbe, mit Ei vermischt, verliert ihre »Speckigkeit«.

Ich verwende für meine Emulsion oft das ganze Ei (Dotter und Eiweiss: die Frische ist entscheidend für Güte und Haltbarkeit der Emulsion), drücke das Ganze durch ein feines Sieb und füge rektifiziertes Leinöl und etwas Nelkenöl dazu. Diese Mischung lässt sich, in dunkler Flasche, einige Wochen aufbewahren. Vor dem Vermalen gebe ich einen Teil der Ei-Emulsion in ein anderes Fläschchen und füge ein Teil Wasser hinzu - schütteln - und fertig ist das Malmittel. Die Ei-Emulsion trocknet zu einer elastischen Haut, die wasserunlöslich und ungemein widerstandsfähig ist, viel widerstandsfähiger als die Ölfarbe allein.

Da ich viel auf Papier und auf lose Leinwandstücke male, schätze ich genau diese Eigenschaften der Ei-Emulsion. Ausserdem lässt sich die Farbe aquarellartig ausdünnen und luftig auftragen. Wenn sie trocken ist, wische ich mit einem weichen Lappen darüber, und nun beginnt die Farbe von innen her zu leuchten!

Walter Ehrismann
 
zum Anfang