Bretonisch-Gelb, Arabisch-Rot
oder die Emotionalität der Farbe

Wenn man den kleinen Platz vor der Mesquita in Còrdoba in westlicher Richtung verlässt und in das enge Gassengewirr der Juderia (ehemaliges Judenviertel) gelangt, folgt man der Calle Indios und steht nach wenigen Schritten vor dem kleinen Museum für Maurische Kultur. Aus dem Patio erklingt arabische Lautenmusik, in einem Brunnenbecken schwimmen Blütenblätter auf dem Wasser und in den Kletterrosen zwitschern Vögel. Die Wände der Wohnräume sind mit Azulejos ausgekleidet, maurische Wandkacheln mit geometrischen Mustern: hier habe ich das Arabisch-Rot gefunden, eine Farbe, die es so auf der Ölfarben-Palette und im Sortiment der Kupferdruck-Farben nicht gibt. Es ist ein bläuliches, stumpfes Rot, bar jeder dem Rot sonst anhaftenden Aggressivität, das auf den kühlen Wandkacheln unter den anderen Farben eine eigene Kraft entwickelt, das verbindet und trägt. Ich bin mit dieser Farbnotiz zu meinem Kupferdrucker gegangen, und zusammen haben wir den Ton mit all seinen Nuancen herzumischen versucht und mit den Handballen probehalber direkt auf das angefeuchtete Kupferdruck-Papier aufgetupft
 
 

Auf der Farbkarte von Charbonnel für Kupferdruckfarben sind ein Zitrongelb, ein Primelgelb und andere Gelbtöne aufgeführt, mit denen ich oft nichts anfangen kann, weil sie mit meiner Farb-Erfahrung nicht übereinstimmen. Mein Bretonisch-Gelb ist jenes Gelb, das in den blühenden Ginsterbüschen der Bretagne leuchtet, mit einem Anflug von warmem Grau der flechtenüberwachsenen Menhire, überspielt vom windgepeitschten Blau des bretonischen Himmels. Wenn ich diese Farbidee dem Kupferdrucker erläutere, die Kupferplatten beim Eintreten ins Atelier noch unterm Arm, dann weiss er, welches Gelb ich meine! In diesem Zusammenhang habe ich mich schon gewundert, wie Blinde eigentlich Farben sehen, mit welchem Wissen davon ihr Farbverständnis funktioniert. Haben sie, wie Sehende, einen Erfahrungshintergrund für Farben?
 
Bei der Arbeit im Atelier an den Kupferdruck-Platten „sehe“ ich die Farben des späteren Papierdruckes, obwohl die Säure, die sich in das Kupfer frisst, der Vernis der Abdeckung, das Korn des Kollophoniums keine eigentlichen Farben sind – die kommen erst beim Drucken der Platten dazu. 
 
 
 
Kennen Sie ein „Istanbul-Blau“? Nein, nicht das banale Türkis! Auch nicht jenes, das in den Fenstern der Blauen Moschee aufscheint, sondern das Licht über dem Bosporus, vom Café Pierre Loti hoch über der Stadt aus gesehen, draussen auf der Terrasse, wenn der Lärm des Verkehrs am frühen Vormittag noch erträglich ist, die Luft in den Blätterkronen stillsteht und drunten die Schiffe ziehen, wenn Schiffsirenen das vage Summen der Autos zerreissen. Es ist dasselbe Blau wie über dem Schilfufer an der Charrente bei Rochefort, der Geburtsstadt Pierre Lotis. Er muss es gesehen haben, wenn er an der Corderie Royale (Königliche Seilerei) vorbei zum Trockendock spazierte. Vielleicht sogar hat er später in seinem Leben in Istanbul nur wieder entdeckt, was ihn seit seiner Jugend erfüllte.
 

 
Natürlich lächelt mein Freund Kupferdrucker über meine Namensgebungen, schliesslich aber mischt er aus Orientblau, Türkisblauer Lack, etwas Frühlingsgrün und viel Weiss jenes Istanbul-Blau, das ich meine. Und wenn er mich mitten in einem ernsthaften Gespräch über die Emotionalität von Grün necken will, greift er zu jener kurios gemeinten Beschreibung: »Ach, du meinst das Grün des Ahornblattes, auf der Unterseite natürlich, bei schräg einfallendem Licht nachmittags um fünf Uhr?« Genau getroffen!

Walter Ehrismann
 
zum Anfang