Fenster als Augentore
(Neue Züricher Zeitung 3.Mai 1999)

Neuere Arbeiten von Walter Ehrismann in der Galerie Wagner
Nicht selten hat man Auge und Fenster in Parallele gesetzt. Bevor die Völker nördlich der Alpen von den Römern den Stein- und Mauerbau übernahmen und die Öffnung für Luft und Licht, ihrem Vorbild folgend, fenestra nannten, stand die Bezeichnung "augatora", Augentor, in Gebrauch. Es sei auch an Gottfried Keller erinnert. Eines seiner Gedichte beginnt mit "Augen, meine lieben Fensterlein". Auch der Maler Walter Ehrismann, geboren 1943, wohnhaft in Urdorf, befasst sich in den neueren Werken, die zurzeit in der Galerie Wagner in Wallisellen zu sehen sind, eingehend mit "Fenstern". In seinen Arbeiten seit 1997 nehmen Bilder mit diesem Titel einen wichtigen Platz ein. In der Regel sind sie genau quadratisch und in vier oder neun kleinere unterteilt, die so das Ganze gliedern. Dies gibt ihm Veranlassung, das Verhältnis der Teile zum Ganzen zu ergründen. Fragen dieser Art beschäftigen ihn offensichtlich seit langem. "Paesaggio" (1988) trennt ein quadratisches Blatt in fünf schmale Streifen auf. Nach jedem Unterbruch setzt das Auge zu einem Neubeginn an. Die Farbzonen finden im nächsten Bereich ihren Fortgang, aber eben dieser Unterbruch, das Trennen und das Wiederfinden, stimuliert das Sehen, darum nämlich, weil die Teile unter andere Relationen treten, deren Reichweite anders wird und die Elemente dazu nötigt, sich einer andern Ordnung zu fügen. Der Maler folgt in seinen Arbeiten den feinsten Spuren, das wird an den "Tondo" genannten Beispielen deutlich; sein Anliegen ist es, den Bewegungen und Veränderungen nachzugehen, ihnen auf ihrem Weg durch den Raum nahe zu bleiben. Veranstalter dieser Werkpräsentation sind Corinne und Hermann Wagner, welche am 1. April die Galerie Noëlle Zumofen übernommen haben. Die Kunstwissenschaftlerin Corinne Wagner begleitet ihre erste Ausstellung mit einem bebilderten Text.

Paul Weder
 
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