Blick aus dem Fenster
(Zürichsee-Zeitung 28. Nov 1998)

Der Maler Ehrismann, durch seine eigene Lebenssituation häufig im Innenraum gefangen, nimmt durch das Fenster die äussere Wirklichkeit wahr, die er mit Erinnerungen verbindet und in seinen Bildern neu formt. Ausgangspunkt dieser Arbeiten sind immer dieselben vier Aquatinta-Drucke. Als Quadrat angeordnet bilden sie den Fenster- und Bildrahmen, das Übermalen kann beginnen. Durch die Farben erst lebt die Kunst von Walter Ehrismann.

Gelb ist die Lieblingsfarbe von Walter Ehrismann. Sie ist für ihn gleichbedeutend wie Licht, das der Künstler in verschiedensten Nuancen wiederzugeben versteht. Er liebt seine echten Pigmentfarben, synthetisch hergestellte Farben sind ihm ein Greuel. So wie ihn das Handwerk des Tiefdrucks mit den sich endlos bietenden Variationsmöglichkeiten fasziniert, so liebt er das Mischen seiner Palette als Teil seines Arbeitsprozesses. Für seine Fensterbilder bestimmt der Maler sechs Farben, die zusammen mit drei verschiedenen Weisstönen eine Harmonie ergeben. Denn obwohl Ehrismann in seiner aktuellen Schaffensperiode immer dieselben Aquatinta-Blätter mit dem schwarzen Grundton der Kupferdruckfarbe als Ausgangspunkt seiner Bilder nimmt, ist es doch schliesslich stets die frappante Farbigkeit der Übermalung mit ihren harmonischen Linien, Formen und Flächen, mit dem durch diesen Eingriff neu konzipierten Bildinhalt, die erst den starken Ausdruck verleiht.

Mit 20 Jahren schlug der gebürtige Churer den Weg seiner Kunstausbildung ein. Nach dem Besuch der Schule für Gestaltung (Fachklasse für Zeichenlehrer) erlernte er in der Folge die verschiedenen Drucktechniken von der Pike auf. Acht Jahre lang verbrachte er viel Zeit im Kupferdruck-Atelier von Peter Kneubühler. Schon immer wollte er die Techniken des Tiefdrucks beherrschen und sich vom Resultat einer Radierung, Kaltnadel oder Aquatinta aufs neue überraschen lassen.

Ein sturer Maler
Die erste Einzelausstellung des heute 55jährigen fand in Luzern statt, und 1976 hielt er in einer Gruppenaustellung bereits Einzug ins Zürcher Kunsthaus, das seither ein Werk von Walter Ehrismann erworben hat. Eine stattliche Anzahl von Ankäufen tätigten auch Stadt und Kanton Zürich, und ebenso taten es zahlreiche Zürcher Gemeinden. In den 80er Jahren sicherte sich der Maler mit seinem Schaffen den an strenge Kriterien gebundenen Eintrag ins "Lexikon der Schweizer Künstler" durch das Schweizerische Institut für Kunstwissenschaft. Regelmässige Werkbeiträge namhafter Stiftungen waren ebenfalls keine Seltenheit im Leben von Walter Ehrismann. In Urdorf steht auch sein Atelier, "wo ich stur jeden Nachmittag verbringe".

Körperfragmente und Kalligrafisches
Dort also sitzt der Künstler vor seinem Fenster und schaut - hinaus und in sich hinein. Als Mensch wirkt Ehrismann ruhig und in sich gekehrt, doch "in den Bildern ist kein Platz für Melancholie", meint er dezidiert. Menschen interessieren ihn. Fragmente einer Körperrundung oder eines verlorenen Profils, die Andeutung einer intimen Stelle, ob Mann, ob Frau, lassen der Phantasie den nötigen Spielraum. Ein blauer Körper zieht sich quer durch das Bild. Auch der Betrachter sieht wieder mit andern Augen und doch nur jenen Ausschnitt des Fensters, der ihn berührt.

Die Oetwiler Austellung bietet noch einen Höhepunkt: In einer Auflage von 50 Exemplaren hat die Edition Howeg in ihrem Band VIII 15 Liebesgedichte der in Paris lebenden Amerikanerin Pansy Maurer-Alvarez durch Walter Ehrismann illustrieren lassen. In der Galerie Jeannette Catrina sind seine 15 Origianlzeichnungen in Chinatusche zu sehen. Es sind Unikate von einer meditativen Ästhetik, welche an fernöstliche Kalligrafie anknüpft. Die sparsam gezogenen Pinselstriche gewinnen durch eine schnörkellose Komposition an Harmonie und stehen, wenn nicht im Dialog, so in einer nicht in Worte zu fassenden Spannung zu den "Poems".

Maria Zachariadis
 
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