Druckgrafik : Photogravure

Tattoo (1999)
Radierung, Photogravure
77x60 cm | Auflage: je 7 Expl. nummeriert und signiert
 
   
 
   
 
Akt. Poesie
‚Tattoos' nennt Walter Ehrismann seine Aktbilder. Graphische Strukturen, kantig und gleichzeitig fliessend, durch ein Kreisrund begrenzt, ziehen sich über die seitliche Rückenpartie eines nackten Frauentorsos, scheinen mit Farbe in die Haut eingeritzt. Die Formationen dringen in den Körper ein und fliessen gleichzeitig über die Körperrundungen hinweg. Einer Landschaft gleich, verschwinden sie am Rande des Kreises, lösen sich irgendwo im Nichts auf, eine Weltkugel suggerierend. Die Landschaft: die Kanten des Gebirges, die Frische der Wiese, die Ruhe des fliessenden Gewässers. Sie vermittelt zwischen der Nacktheit des Körpers und der Natur, zwischen Mensch und Umwelt, Individuum und Welt. Und doch: die Welt erfasst den Körper nicht, sie fängt und schliesst ihn nicht ein. Es ist der Körper, der die Kugel umfasst, die Landschaft umarmt, sich über sie zu legen scheint. Und dann: die Welt-Landschaft, die sich im gleissenden Licht, in der Wärme aufzulösen scheint, in sie hinübergeht. Der knieende Frauenakt, der mit - vor, hinter - dem Feuer tanzt, sich im Rhythmus von züngelnden Flammen bewegt.

Die verschiedenen Bedeutungsebenen entsprechen der Mehrstufigkeit von Walter Ehrismanns aufwändigem technischen Verfahren. Fertigkeit und Präzision führen zu einer Vermischung der Bildschichten, von Vordergrund und Hintergrund, innen und aussen - materiell und ikonographisch. Es ist die Landschaft, das Feuer, in einer dreistufigen Aquatinta mit je einer Farbe, die den Arbeiten zugrunde liegt. Die Schwarzweissfotografie eines weiblichen Körpers, fotochemisch auf eine vierte Kupferplatte übertragen, ist mit Staubkörnern in die Platte geätzt. Naturelemente verbinden sich so mittels technischer Mittel und Materialien und visueller Elemente zur Körperlandschaft. Was sich unter der sanften Haut befindet, tritt plötzlich zu Tage. Ist es das Innere des Körpers, auf das im Kreis der Blick fällt? Ist es die Netzhaut des Betrachters, in der sich der Körper spiegelt, über die das Auge das Unsichtbare hinter dem Sichtbaren sucht?
Gleich dem Renaissancekünstler, der im Äusseren des Körpers Anhaltspunkte für dessen Inneres sucht, versucht Walter Ehrismann, hinter die oberflächlichen Erscheinungen zu sehen. Nicht nur die anatomischen Grundstrukturen, die den perfekten Körper bilden, ergründet er jedoch, es sind viel mehr die menschlichen Zwischenebenen, die er erspürt, die unbeschreiblichen Ebenen des Denkens und des Fühlens, die sich über alles und den Menschen in seiner Umgebung zum Individuum erheben.

Franziska Lentzsch