Druckgrafik

amwasser_rad.jpg Die Radierung
Die Platte selbst ist für mich der Anreiz zu einem Bild: es ist unpoliertes Kupfer. Die Kupferplatten weisen feine Haarrisse, Flecken, Verletzungen auf. Von diesen vorgefundenen Spuren lasse ich mich leiten. Ich bilde nichts ab. Das Motiv entsteht aus sich selbst – ein halb zufälliger, halb gelenkter Prozess.

Ich lege die Platten vor mich hin, taste sie lange mit Händen und Augen ab. Wo ich »hängenbleibe«, verweile ich, orientiere mich, suche Verbindungen zu anderen Stellen. Mit verschiedenen Werkzeugen, Radiernadel, Moulette, Schabstahl, Handbohrer und Polierstahl vertiefe, verdeutliche ich die Spuren und weite sie aus zu einem Liniengespinst, in dessen Verläufe Bündelungen, Strahlen und Mulden sich zum Bildnetz verdichten. Dieser Prozess, noch ohne ätzen, wird als Kaltnadel bezeichnet.

Dann wird die Platte mit vernis satiné (einer Art feiner Wachsschicht) abgedeckt. In die getrocknete, hauchdünne Schicht zeichne ich mit Feder und Radiernadel, ergänze und erweitere das darunterliegende und durch-schimmernde Liniengeflecht durch Striche, Punkte, Kratzer, die sich dann im Säurebad in das Kupfer »hineinfressen«, d.h. die Platte wird geätzt (radieren, lat. von radix / Wurzel, d.h. in die Tiefe gehen). Meistens arbeite ich mit Salpetersäure, mische wie die alten Meister Salz- oder Essigsäure dazu, je nachdem wie schnell ich arbeiten und welche Wirkung ich erzielen will.

Nichts lässt sich mehr auswischen, korrigieren (eine Radierung hat nichts mit dem »Radiergummi« zu tun!). Was in der Platte ist, bleibt drin, allenfalls abgeschwächt durch Polieren mit Polierstahl, Stahlwatte und Kohle.

Für das Aquatinta-Verfahren bestäube ich die gereinigte Platte mit Asphalt- und/oder Kollophoniumstaub.

Damit die »Staubschicht« nicht davonstiebt, wird vor dem nächsten Ätzvorgang Hitze unter die Platte gegeben. Die kleinen Salzkörner schmelzen leicht an und haften auf dem Kupfer. Beim erneuten Ätzen entstehen jetzt Flächen, deren Tiefe durch die Dauer des Ätzens bestimmt ist. Dazwischen decke ich immer wieder Stellen mit vernis noir ab und erziele so beim späteren Drucken helle, mittlere und ganz dunkle Töne.

Sucré, vernis mou, Lavieren sind weitere Verfahren. Deren Vielfalt variiert die Möglichkeiten, die der Künstler hat, um seine Bildsprache zu vervollkommnen und seinen eigenen Ausdruck zu finden. Während all dieser Vorgänge sehe ich aber nur die Kupferplatten, die jetzt, vor dem Druckprozess, gereinigt werden.

Von der eingefärbten Platte wird mit Rebgaze, Seidenpapier und zuletzt durch »Wischen« die noch auf der Platte liegende Farbe entfernt. Was als Bild dann zu sehen sein wird, liegt in den geätzten Vertiefungen: radieren ist ein Tiefdruck-Verfahren. Für meine Farbradierungen erhält jede Farbe eine eigene Platte.

Auf dem Drucktisch liegt die eingefärbte Kupferplatte bereit. Das angefeuchtete Papier wird darübergelegt und am grossen Rad der Druckerpresse gedreht. Langsam drückt die schwere Walze das Papier in die radierte Platte. Das feuchte Büttenpapier saugt die Farbe aus der Tiefe der Punkte und Striche hervor – eine Radierung ist entstanden.

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