Der Film – Zwei Leben

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Drei Filmstudenten zeigen Walter Ehrismanns Leben in 52 Minuten

Die Lebensgeschichte des bald 70-jährigen Walter Ehrismann fasziniert. So sehr, dass die Dok-Filmer nach Südfrankreich reisten, an den Ort, wo sein Leben eine Wende nahm.

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Vor dem Unfall habe er den Kerl da oben gebeten, etwas Spezielles aus ihm zu machen. «Und nach dem Unfall: ‹So speziell nun auch wieder nicht›.» Walter Ehrismann lacht in die Kamera. Mehr als sein Kopf, sein Oberkörper sind dabei nicht zu sehen. Nicht die Handgriffe und Armlehnen seines Rollstuhls, in dem er seit bald 47 Jahren sitzt. Nicht seine Hände, die vermutlich mit steifen Fingern in seinem Schoss liegen.

Die Szene ist eine Sequenz aus dem Trailer von Evelyne Meiers Dokumentarfilm über Ehrismann. Walter Ehrismann; der Künstler, der Schriftsteller, der Lehrer – Meiers ehemaliger Sek-Lehrer, Walter Ehrismann, der Familienmensch.

Der Vorschlag , einen Film über Walter Ehrismann zu drehen, kam von ihm selbst, im Sommer 2011. Evelyne Meier (26) lud damals ihren ehemaligen Lehrer an ihre Bilderausstellung, so entstand der Kontakt wieder. «Ich erzählte ihm, dass ich eine Ausbildung zur Filmemacherin absolviere und er schlug mir vor, einen Film über sich zu drehen», sagt Meier. Sie habe nicht lange überlegt; einen Menschen zu finden, der sich für einen Dokumentarfilm zur Verfügung stellt, finde man schliesslich nicht alle Tage.

Evelyne Meier liess den Film als Schulprojekt laufen. Sie führte Regie, zwei Studienkollegen, Tontechniker Lukas Schwarzenbacher (24) und Kameramann David Borter (23), unterstützten sie. Die F+F, die Schule für Kunst und Mediendesign, übernahm die Rolle des Produzenten. Eigentlich dürften die Studenten nur einjährige Projekte durchführen; bei Evelyne Meier aber drückten sie ein Auge zu, nachdem sie ihr Dossier gelesen hatten. Und so begannen die Dreharbeiten im März und dauerten bis Juli. Meier und ihre Kollegen trafen Familienangehörige, Freunde, Künstler, ehemalige Lehrerkollegen. Sie flogen mit einer Kamera an den Flugzeugbauch geklebt über Urdorf, begleiteten das Ehepaar Ehrismann einen ganzen Tag lang, besuchten die Klinik Balgrist, fuhren mit der Familie zum Bräteln in den Wald. Und sie reisten mit Ehrismanns bestem Freund Pete Strickler nach Südfrankreich, an den Ort, an dem die beiden vor fast 47 Jahren den Unfall erlebten. An 40 Drehtagen kamen 40 Stunden Filmmaterial zusammen.

Der Dokfilm trug den Arbeitstitel «Wer ist Walter?»; heute, kurz vor dem Abschluss der Schneidarbeiten, will ihn Evelyne Meier «Zwei Leben» nennen. Passen würden wohl beide. «Ich wollte Walter Ehrismann nicht bloss als einen im Rollstuhl vorstellen, sondern als einen, der nach seinem Unfall unglaublich viel geschafft hat», sagt Meier. Als den 23-jährigen Lebenshungrigen, dem die Ärzte nach dem Badeunfall im Jahr 1966 noch zehn Jahre gaben. Und als den bald 70-Jährigen, der zu etwas Besonderen geworden ist; wenn auch nicht zu dem, was er sich damals je hätte träumen lassen. Zu einem Lehrer, einem Sesshaften, einem Familienvater.

Zwei Leben – und vier wesentliche Wesen: der Künstler, der Schriftsteller, der Lehrer, der Familienmensch. Deshalb auch der Arbeitstitel «Wer ist Walter?», sagt Meier. Walter Ehrismann, der Hansdampf in allen Gassen, den viele bewundern. Doch sie habe nicht bloss Walter Ehrismann in den Fokus rücken wollen. Was kostet es, dass er das alles schafft? Was ist der Preis – und wer bezahlt ihn? «Er ist und bleibt ein Tetraplegiker, der immer auf fremde Hilfe angewiesen bleiben wird.» Sie hat deshalb Ehrismanns Frau Alice viel Raum gegeben.

Evelyne Meier hat nun noch bis Anfang Februar Zeit, den Film für die Schule fertigzustellen. «Ich habe die Szenen erst im Kopf gebaut und dann am Computer zusammengeschnitten. Der Film soll zum Mitdenken anregen.» Sie setzt dabei auf ihre Interviewpartner, ihre Mimik, ihren Ausdruck. Es gibt kaum Stimmen aus dem Off. Den Rohschnitt für den Dokfilm über 52 Minuten hält sie unter Verschluss, zeigen will Meier vorerst nur den Trailer. Sie hofft, dass sie den Film an Filmfestivals vorführen kann, vielleicht sogar im Schweizer Fernsehen.

«Ich wurde nach dem Unfall zu einem Zyniker der übelsten Sorte», hatte Ehrismann einmal in einem Interview gesagt. Evelyne Meier bestätigt das nickend. Trotz all der Freude über die Offenheit sei es nicht immer einfach gewesen, mit Ehrismann zusammenzuarbeiten, seine Launen, seinen Humor einzuschätzen. «Manchmal war er mir zu offen, zu forsch», sagt Meier. Kameramann David Borter stimmt ihr zu: «Es hat eine Weile gedauert, bis wir seine Art verstanden.»

Trotzdem hätten sich enge Beziehungen entwickelt, die über das Filmprojekt hinausgehen, und tiefe Bewunderung. «Walter Ehrismann nimmt sich für sein Tun – gezwungenermassen – viel Zeit; die Zusammenarbeit mit ihm zwingt einem zur Ruhe, zu überlegtem Handeln», sagt Lukas Schwarzenbacher. «Das und sein Enthusiasmus faszinieren mich.»

Quelle: Limmattaler Zeitung