Texte in den Wind – eine Rezension

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Was beim Lesen der Gedichte sofort auffällt, ist die musikalische Grundlage des ganzen Gedichtzyklus. Es gibt eine strenge dreiteilige Komposition der Gedichttexte: jedes Gedicht wird mit der Exposition eingeleitet, zumeist einer malerischen Beschreibung der Natur, der eine detailreiche Darstellung einer Alltagsszene aus dem Leben der in der gebirgigen Gegend von San Pablo al Lago lebenden Menschen folgt und die den inhaltlichen Höhepunkt des Gedichtes bildet. Am Ende des Gedichtes gestaltet sich eine philosophische Reflexion des Autors, die seine emotionale Haltung offenbart.

Interessant ist auch das die Komposition des Gedichtzyklus gestaltende Zeitprinzip: jedes Gedicht beschreibt den Ablauf eines Tagesabschnittes, der zugleich als Titel eines Gedichtes fungiert, z.B., Morgen, Mittag, Nachmittag, Abend und Nacht – fünf Gedichte, fünf verschiedene Naturbeschreibungen, fünf Szenen aus dem Alltagsleben und…ein sie alle umfassendes, vereinendes aber ambivalentes Gefühl, das Gefühl einer intensiven Empfindung der Harmonie der Natur und des Lebens, gepaart mit einer tiefen persönlichen Melancholie und Selbstironie, die über die Begrenztheit der persönlichen Empfindung zu einer philosophischen Erkenntnis hinaus wachsen.

Denn der Künstler ist es gerade, der sowohl das Schöne als auch das Tragische des Lebens am krassesten wahrnimmt, aufs Intensivste erlebt und in seinem Werk widerspiegelt. Insofern wird das Nachempfinden seiner Eindrücke und Gefühle zu einem hochsensiblen, ja kathartischen Leseerlebnis.

Dr. Nelli Holler, Wien