Die Schönheit der Unschärfe
|Malerei ist ungeeignet, dem Betrachter rationales Denken auszutreiben. Zu gross ist die Macht des abwägenden Intellekts, ausser vielleicht bei William Turners Venedig-Gemälden, bei Rothko oder Rembrandt. Ganz anders die Fotografie. Nur der blosse Zufall ersetze das Künstlerauge, glaubte man lange. Dabei verdeutlicht die fotografische Aufnahme das Eine: die Beziehung zwischen Künstler und Modell. Sehen und Gesehenwerden. Der kreative Akt ist nur scheinbar auf den Knopfdruck reduziert. Nach der Entdeckung der Unschärfe an den Rändern des Gesichtsfeldes verstummte der Einwand, das Bild sei nicht tiefenscharf. Es geht gar nicht darum. Und doch muss ich meine Aufnahmen dem Blick, dem (Wieder-) Erkennen und Bewerten preisgeben. Eine Frau im Halbdunkel des Raums. Was erfahre ich dabei? Vielschichtiges, nicht das Eindeutige. Der Zusammenfall von Kleidung und Person und Raum, von Verdecken und Überlagern, legt tiefere Ebenen, Emotionen frei. Vergangenes, Vages, Träume, Sehnsüchte. Sichtbarmachen des Zeitflusses. Kaum ist der Auslöser betätigt, gehört der intime Augenblick der Vergangenheit an. Das Bild wirft mich nun auf mich selbst zurück. Die dargestellte Person aber bleibt in ganz besonderer Weise frei, obwohl sie sich dem Auge dargeboten hat. Sie entgleitet mir und ist doch zauberhaft anwesend.
vgl. »Die Entdeckung der Unschärfe in Optik und Malerei«
Lieber Walter
Das ist ein hochinteressanter Artikel. Beste Grüsse Andreas